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Das Ende der Ära Milosevic

05.10.2014 - Artikel

Am 5. Oktober 2000 strömten hunderttausende Menschen in die serbische Hauptstadt Belgrad, um den Machthaber Milosevic zu stürzen. Unser Kollege Joachim Schmidt erinnert sich für die „Amtsgeschichte(n)“ an bewegende Momente in der serbischen Hauptstadt.

Am 5. Oktober 2000 strömten rund hunderttausende Menschen in die serbische Hauptstadt Belgrad, um den Machthaber Milosevic zu stürzen. Unser Kollege Joachim Schmidt war als Leiter der „Deutschen Interessensektion bei der Botschaft von Japan in Belgrad“ vor Ort. Er erinnert sich für die „Amtsgeschichte(n)“ an bewegende Momente in der serbischen Hauptstadt.

Botschafter Joachim Schmidt
Botschafter Joachim Schmidt© dpa/picture-alliance

Joachim Schmidt wurde im September 1999 nicht deutscher Botschafter in Belgrad - er wurde Leiter der „Deutschen Interessensektion“ bei der Botschaft von Japan. Er zog mit seiner Frau zwar in die angestammte Belgrader Residenz ein, jedoch ohne deutsche Flagge und ohne entsprechendes Türschild. Denn die diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und dem damaligen Jugoslawien waren Monate zuvor mit Beginn der NATO-Luftoperationen abgebrochen worden.

„Das Hauptziel war, den demokratischen Kräften in Jugoslawien Unterstützung anzubieten bei ihren Anstrengungen, das Land zu demokratisieren“, erinnert sich Joachim Schmidt, heute deutsche Botschafter in Addis Abeba. Nach 48 Stunden Bedenkzeit hatte er schon bald seine Koffer in Bonn gepackt und war mit einem kleinen Konvoi ehemaliger Botschaftsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter nach Belgrad aufgebrochen.

Die Arbeit der „Deutschen Interessensektion“

Dort hatte sein Vorgänger vor der Evakuierung der Vertretung im Juni 1999 noch geregelt, dass die japanische Botschaft sich ein wenig um die verwaisten deutschen Liegenschaften kümmern und künftig die neue 'Deutsche Interessensektion' in Belgrad formal beherbergen würde. Das Botschaftsgebäude der Bundesrepublik wurde weiter genutzt, mit allem Inventar, aber mit dem Unterschied: keine deutsche Flagge, kein deutsches Wappen. Auf dem Messingschild stand jetzt in großen Lettern „Botschaft von Japan“, in kleinen Lettern darunter „Deutsche Interessensektion“.

Wir haben an unseren Computern die Briefköpfe geändert. Wir konnten auch nicht siegeln, denn unsere Siegel durften wir ja nicht nutzen. Ich habe Dokumente paraphiert, der japanische Botschafter hat sie dann unterschrieben, gesiegelt und weitergeleitet.

Großdemonstration gegen Milosevic
Großdemonstration gegen Milosevic© dpa/picture-alliance

Die deutsche Unterstützung für die demokratischen Kräfte in Serbien bestand aus vier Säulen: Unterstützung der demokratischen Opposition und der unabhängigen Medien; Hilfe beim Aufbau der Zivilgesellschaft und lokale Aufbauhilfe für die bereits demokratisch regierten Städte inklusive Städtepartnerschaften.

Wir haben zum Beispiel demokratisch regierten Städten Asphalt zur Verfügung gestellt. Erdöl und Erdölderivate fielen unter die bestehenden Sanktionen. Ich bin immer bei der Übergabe zugegen gewesen und habe mit Interviews in den örtlichen Medien versucht klarzumachen, dass sich unsere Politik nicht gegen die Bevölkerung Jugoslawiens, sondern ausschließlich gegen das verbrecherische Regime Milosevics richtete.

Großdemonstrationen gegen Milosevic

Demonstranten auf dem Weg nach Belgrad (05.10.2000)
Demonstranten auf dem Weg nach Belgrad (05.10.2000)© dpa/picture-alliance

Nach den Präsidentschaftswahlen am 24. September, die zu einem Fiasko für Machthaber Milosevic werden sollten, versuchte das Regime es noch mit Wahlmanipulation - erfolglos. Schon in den Wochen zuvor hatte es Großdemonstrationen gegen Milosevic gegeben, nun drängten noch mehr Menschen auf die Straßen der Hauptstadt. „Vor unserer Kanzlei verlief die Hauptausfallstraße, und da kamen stadteinwärts morgens schon Autos, Busse und auch ein Tieflader gefahren“, erinnert sich Joachim Schmidt.

Wenn man in die Augen der Menschen sah, die da stadteinwärts strömten, da bekam man schon den Eindruck, dass heute etwas passieren könnte – weil die Entschlossenheit einfach größer zu sein schien als bei den Großdemonstrationen, die in den Monaten zuvor zu beobachten waren.

Schmidt und sein Stellvertreter entschlossen sich, den Bürostuhl an diesem Tag unbenutzt zu lassen. „Heute ist unser Arbeitsplatz nicht am Schreibtisch, sondern auf der Straße!“ Aus nächster Nähe wollten die deutschen Diplomaten beobachten, was passierte. Auf dem Platz vor dem Parlamentsgebäude hatten sich rund eine Million Anhänger der Opposition versammelt.

Revolutionsstimmung lag in der Luft. Aber es gab auch die Sorge, dass Milosevic mit seinen Sicherheitskräften noch einmal zum Gegenschlag ausholen und es nicht ohne Blutvergießen abgehen würde. Es war so voll, dass man sich gar nicht mehr frei bewegen konnte. Dann kam Tränengas hinzu.

In der Ferne brannten offenbar Gebäude. Ein Kollege, der in Berlin die Nachrichtensendungen schaute, schilderte Schmidt – der zwischen Demonstranten eingekeilt war - am Telefon, was in Belgrad offenbar gerade passierte: Er hatte über CNN und BBC den besseren Überblick.

Blaue Bildschirme als Symbol für den Umsturz

Auf den Straßen von Belgrad am 05.10.2000
Auf den Straßen von Belgrad am 05.10.2000© dpa/picture-alliance

Am Abend gelangte Joachim Schmidt mit seinem Kollegen in das so genannte „Media Center“. Ein Raum im zweiten Stock eines Gebäudes, in dem sich hauptsächlich oppositionell gesinnte Medienvertreter und Journalisten trafen. „Es war schon dunkel, aber aus den Fenstern hatten wir einen guten Blick auf die Menschenmassen, die sich immer noch auf dem Platz befanden.“ In allen vier Ecken des Raumes waren Fernseher angebracht. Die dort ausgestrahlten Abendnachrichten wurden vom Stimmengewirr im Raum übertönt.

Doch mitten in diesen Abendnachrichten verschwand langsam das Bild von den Bildschirmen und von oben nach unten erschien eine blaue Fläche. Die Sendung wurde unterbrochen. Dann hatten wir blaue Bildschirme in allen vier Ecken des Raumes. Nach einer Weile dann baute sich von unten nach oben langsam wieder ein Bild auf. Das Blau verschwand nach oben, und man erkannte das gleiche Studio. Aber da saßen dann andere Menschen, nämlich solche, die dem demokratischen Lager zuzuordnen waren!

Dies sei für alle Anwesenden der Beweis gewesen, dass an diesem Tag - mit der Kontrolle über den staatlichen TV-Sender - das Hauptziel der Opposition erreicht worden war. Der Jubel im Raum ist in Joachim Schmidts Erinnerung bis heute sehr lebendig:

Das war wirklich unbeschreiblich, auch für uns als Halb-Außenstehende! Viele hatten Tränen in den Augen und fielen sich gegenseitig in die Arme.

Am 6. Oktober 2000 erklärte Slobodan Milosevic seinen Rücktritt.

Neuer Präsident, altes Türschild

Vor dem Parlamentsgebäude in Belgrad am 06.10.2000
Vor dem Parlamentsgebäude in Belgrad am 06.10.2000© dpa/picture-alliance

„Es dauerte noch ein paar Tage, bis wir als diplomatisches Korps dem neuen Präsidenten Vojislav Kostunica gratulieren konnten“, erzählt Schmidt. Die Erschöpfung sei Kostunica deutlich anzumerken gewesen. Wenige Wochen später wurden auch die diplomatischen Beziehungen zwischen Berlin und Belgrad offiziell wieder aufgenommen. Im November 2000 folgte auf einen entsprechenden Notenaustausch im serbischen Außenministerium ein besonders symbolischer Moment:

Der Notenaustausch fand an einem späten Freitagnachmittag statt. Die Dienstzeit war schon lange vorbei, aber die Beschäftigten warteten noch auf meine Rückkehr, weil wir dann natürlich als allererstes das Messingschild 'Botschaft von Japan' wieder abgeschraubt haben. Ich habe selbst den Schraubenzieher in die Hand genommen und das alte Schild 'Deutsche Botschaft' wieder angeschraubt.

Es sei bewegend gewesen zu sehen, dass dafür fast alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch in der Botschaft ausgeharrt hatten, so Schmidt. Ende des Jahres sollte Joachim Schmidt auch ganz offiziell deutscher Botschafter werden, bis zum Sommer 2002, als „erster deutscher Botschafter im demokratischen Belgrad.“

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