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2. Kautskys Aktensichtung

Artikel

Gustav Mayer, eigentlich ein Liberaler, hatte sich als Historiker mit der Arbeiterbewegung beschäftigt und besaß wohl deshalb das Vertrauen beider sozialdemokratischer Richtungen. Über seinen Kommissionsauftrag aber war er alles andere als begeistert.

Die Kautsky-Kommission

Hermann Meyer (1883-1943), Leiter des Politischen Archivs von 1920 bis 1926
Hermann Meyer (1883-1943), Leiter des Politischen Archivs von 1920 bis 1926© AA

Gustav Mayer, eigentlich ein Liberaler, hatte sich als Historiker mit der Arbeiterbewegung beschäftigt und besaß wohl deshalb das Vertrauen beider sozialdemokratischer Richtungen. Über seinen Kommissionsauftrag aber war er alles andere als begeistert. Zwar hatte er Kautsky schon am 17. November zugesagt, sich „die Geheimakten des Auswärtigen Amts über den Krieg vorzunehmen“ (Niedhart 1919: S. 188), doch hielt er die beabsichtigte Publikation wegen ihrer zeitlichen Beschränkung auf die Julikrise nur für „Stückwerk“ (Niedhart 1919: S. 199). Es schwingt aber auch ein gewisser Reiz des Historikers über den speziellen genius loci mit, wenn er schreibt, dass er in der Villa des Staatssekretärs im Garten des Auswärtigen Amts an dessen Schreibtisch arbeite: „Dort studiere ich die gesamten Akten über die unmittelbare Kriegsentstehung.“ (Niedhart 1919: S. 200 f.) Mayers Äußerungen in einem Tagebuch und in Briefen zeigen, dass er offenbar von einem großen Maß an Mitverantwortung insbesondere der militärischen Reichsleitung am Ausbruch des Krieges überzeugt war. Es gibt jedoch keine Anhaltspunkte, dass er auch anderen europäischen Staaten eine Mitschuld zusprechen wollte. Lediglich den Vorwurf des preußischen Ministerpräsidenten Heinrich Ströbel. Mayer „sähe die Dinge zu sehr als Historiker“ (Niedhart 1919: S. 197), mag man vielleicht in diese Richtung deuten können.

Auch Kautsky sah sich in der Rolle eines Historikers. Er schrieb rückblickend: „Ich hatte in dem Archiv des Auswärtigen Amtes nicht gearbeitet als sein Beamter, sondern als freier Historiker ... nicht als Ankläger.“ (Kautsky 1919: S. 11)

Richard Wolff, einer der beiden Archivare in der Kommission, betonte ebenfalls sein Selbstverständnis als Historiker. Eine aus der Editionsarbeit entstandene kleine Studie leitete er mit den Worten ein, sie sei „entstanden aus dem Bedürfnisse des Historikers, das überreich strömende Quellenmaterial zu bändigen, den Tatbestand festzustellen und die Motive der handelnden Staatsmänner“ verstehen zu wollen (Wolff 1919: S. 3).

Verfügung von Staatssekretär Solf vom 27. November 1918
Verfügung von Staatssekretär Solf vom 27. November 1918© AA

Editionsarbeit

Die Beteiligten verstanden sich durchweg als Historiker, die ohne richten zu wollen, berichten wollten, was geschehen war. Tatsächlich ist über die Arbeitsweise der „Kommission zur Sicherung der Geheimakten und Archive“ nahezu nichts bekannt. Die der später veröffentlichten Auswahl zugrundeliegenden Akten wie die daran geleistete Arbeit sind überschaubar gewesen. Mayer konnte sie ohne weiteres an halben Tagen erledigen (Niedhart 2009: S. 214). Richard Wolff begann seine Tätigkeit überhaupt erst im Februar 1919, zusammen mit einer studentischen Hilfskraft, der Heidelberger Geschichtsstudentin Nora Stiebel. Hermann Meyer dürfte sich eher um die archivalische Seite der Arbeit gekümmert haben. Von ihm hieß es im Vorwort der späteren Edition, dass „dessen fachmännische Spuren der Leser überall wahrnehmen wird“ (DD 1919: 1, S. VII).

Er wurde anschließend der erste Leiter des neugegründeten Archivs des Auswärtigen Amts. Aus einer späteren Aufzeichnung geht denn auch hervor, dass die eigentliche Arbeit nicht von Kautsky selbst, sondern von Gustav Mayer und Richard Wolff (und man darf vermutlich anfügen: von Nora Stiebel) erbracht wurde. Offenbar hat sich Kautsky darauf beschränkt, eine Richtung vorzugeben und sich entscheidende Fragen vorzubehalten. Mayer schreibt, es sei nicht immer leicht gewesen, sich mit Kautsky „über die Gesichtspunkte, nach denen ich das Weißbuch zusammenstelle, zu einigen“ (Niedhart 2009: S. 431). In einem privaten Brief versicherte er zugleich, er „denke nicht daran, auch nur in das mindeste zu willigen, was ich nicht mitzumachen mich entschließen könnte“ (Niedhart 2009: S. 421). Innerhalb weniger Wochen war das Material gesammelt, gesichtet, geordnet und abgeschrieben. Ende März 1919 war die Edition druckfertig (Kautsky 1919: S. 8).

Zitierte Literatur

  • Niedhart, Gottfried (Hrsg.) 2009. Gustav Mayer. Als deutsch-jüdischer Historiker in Krieg und Revolution 1914-1920. Tagebücher, Aufzeichnungen, Briefe. München.
  • Kautsky, Karl 1919. Wie der Weltkrieg entstand. Berlin.

Weitere Informationen

Es gibt in politischen Umbruchzeiten wie denen des November 1918 wichtigeres, als die Beschlagnahme von Archiven. Dennoch beschloss der revolutionäre Rat der Volksbeauftragten am 26. November 1918, die Akten des Auswärtigen Amts unter seine Obhut zu stellen.

1. Einleitung

Nachdem sich der Rauch der Revolution wieder verzogen hatte, verfolgte das Auswärtige Amt eine geänderte Strategie. Der ursprüngliche Entschluss, die Akten zum Kriegsausbruch zu veröffentlichen, wurde verworfen...

3. Fortsetzung der Arbeit

Bei amtlichen Editionen liegt die Frage nach Ihrer Zuverlässigkeit stets nahe. Sie liegt schon deshalb nahe, weil die mit politischer Absicht veröffentlichten Farbbücher häufig Auslassungen erkennen ließen oder ihnen nachträglich Manipulationen bewiesen wurden.

4. Der Wert der Edition

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