Willkommen auf den Seiten des Auswärtigen Amts

3. Fortsetzung der Arbeit

Artikel

Nachdem sich der Rauch der Revolution wieder verzogen hatte, verfolgte das Auswärtige Amt eine geänderte Strategie. Der ursprüngliche Entschluss, die Akten zum Kriegsausbruch zu veröffentlichen, wurde verworfen...

Kriegsschuldpropaganda

Cover Die Große Politik der Europäischen Kabinette
Cover "Die Große Politik der Europäischen Kabinette"© AA

Nachdem sich der Rauch der Revolution wieder verzogen hatte, verfolgte das Auswärtige Amt eine geänderte Strategie. Der ursprüngliche Entschluss, die Akten zum Kriegsausbruch zu veröffentlichen, wurde verworfen, die Dokumentensammlung als vorläufig nicht publikationsreif erklärt, die Entscheidung mit den geänderten politischen Rahmenbedingungen begründet. Die Kommission der Revolutionsregierung war mehr oder weniger mit dem erkenntnisleitenden Interesse an die Arbeit gegangen, einen Schuldnachweis zu führen. Jetzt sollten genau die gleichen Akten dem völlig gegenteiligen Interesse dienen, nämlich dem Unschuldsnachweis im Kampf gegen den Artikel 231 des Versailler Vertrags. Dieser hatte die alleinige Schuld des Deutschen Reichs am Ausbruch des Weltkriegs festgeschrieben. Der anfängliche Impuls, der alten Geheimdiplomatie so etwas wie Öffentlichkeit entgegenzustellen, wurde schnell wieder verdrängt. An seine Stelle trat ein politischer Affekt, nämlich dem Schuldvorwurf des Versailler Vertrags, ebenfalls öffentlich, aber nicht in aufklärerischer, sondern propagandistischer Weise zu begegnen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich hieraus eine groß angelegte Propagandamaschine. Deren Schaltzentrale wurde das so genannte Schuldreferat des Auswärtigen Amts, Schmiermittel waren über viele Jahre Gelder aus dessen Etat. Mit seinen Aktivitäten in Sachen Niederlagenbewältigung hat das Auswärtige Amt die Erinnerungskultur maßgeblich in eine ganz bestimmte Richtung gesteuert und verhindert, dass kritische Stimmen sich hätten entfalten können. Die Kriegsschulddebatte kam in Gang, sofort war sie in voller Fahrt. Aufzuhalten war sie nicht mehr. Sie bestimmte bald das geschichtspolitische Klima der Weimarer Republik nachhaltig.

Überarbeitung

Die ursprünglich angekündigte und von Kautsky und seinem Team fertiggestellte Edition erschien nicht. Stattdessen begann man im Juli 1919 mit einer Nachbearbeitung. Die hierfür in Aussicht genommenen Herausgeber standen dabei durchaus nicht für ein völlig anderes erkenntnisleitendes Interesse. Der zum Pazifisten und Militärschriftsteller gewandelte ehemalige bayerische Infanteriegeneral Max Graf von Montgelas, der liberale und ebenfalls pazifistisch gesinnte Völkerrechtler Walther Schücking sowie der linksliberale Politiker und Historiker Hans Delbrück hatten sich zwar eindeutig gegen die These einer Alleinschuld des Reichs am Weltkrieg positioniert. Damit waren sie im Auswärtigen Amt sicherlich willkommen. Sie hatten sich in der Vergangenheit aber auch kritisch mit Militarismus und Nationalismus auseinandergesetzt, was sie ins linke politische Spektrum hinein vertrauenswürdig machte. Die drei sollten sich die Überarbeitung der Dokumentenauswahl teilen. Montgelas sollte sich der Vorgeschichte des Krieges, der Einkreisung Deutschlands und der Entwicklung auf dem Balkan widmen. Einen zweiten Teil vom Mord in Sarajewo bis zum 30. Juli sollte Schücking übernehmen. Delbrück hätte als dritten Teil die letzte Phase der Krise bis zur russischen Mobilmachung bearbeiten sollen, schied jedoch schon bald aus dem Herausgeberkreis aus. Als Ersatz warb man den Hamburger Juraprofessor an. Er widmete sich ganz der langen Vorgeschichte des Krieges, woraus dann später die bedeutsame Aktenedition des Auswärtigen Amts „Große Politik der Europäischen Kabinette 1871-1914“ erwuchs.

Drucklegung

Montgelas und Schücking aber machten sich erst einmal an die Sichtung des von Kautsky zusammengestellten Materials. Von Vorteil erwies sich, dass mit dem Archivar Hermann Meyer auch ein ehemaliger Kommissionsmitarbeiter dabei war. Denn es zeigte sich rasch, dass die ursprüngliche Sammlung so schlecht nicht war. Wie sollte sie auch, da man einerseits von Gustav Mayer eine saubere historische Arbeit erwarten durfte, und die Edition andererseits ein fast vollständiges Abbild der einschlägigen Akten zur Julikrise darstellte. Insofern kamen durch die Neubearbeitung nur sehr wenige neue Dokumente hinzu, zudem meist solche, die nicht aus den Akten des Auswärtigen Amts stammten – etwa diejenigen der bayerischen Gesandtschaft in Berlin. Im Vorwort zur ersten Auflage, die im November 1919 erschien, legten Montgelas und Schücking hierüber Rechenschaft ab: „Die Herausgeber haben aus rein sachlichen Gründen wie aus solchen der äußeren Zweckmäßigkeit wenig an der Kautsky’schen Sammlung geändert. Diese Sammlung stellte sich ihnen bei unbefangener Betrachtung als sorgfältig durchgeführtes Unternehmen dar, das durch wesentliche Aenderungen nur an Wert hätte verlieren können.“ (DD 1919: 1, S. VIII f.). 

Die Änderungen selbst waren zumeist technischer Natur. Es handelte sich um Kürzungen oder Ergänzungen im Anmerkungsapparat, das chronologische sowie das nach Absendern geordnete Inhaltsverzeichnis, das Namenregister und das Verzeichnis der Telegrammnummern.

Weitere Informationen

Es gibt in politischen Umbruchzeiten wie denen des November 1918 wichtigeres, als die Beschlagnahme von Archiven. Dennoch beschloss der revolutionäre Rat der Volksbeauftragten am 26. November 1918, die Akten des Auswärtigen Amts unter seine Obhut zu stellen.

1. Einleitung

Gustav Mayer, eigentlich ein Liberaler, hatte sich als Historiker mit der Arbeiterbewegung beschäftigt und besaß wohl deshalb das Vertrauen beider sozialdemokratischer Richtungen. Über seinen Kommissionsauftrag aber war er alles andere als begeistert.

2. Kautskys Aktensichtung

Bei amtlichen Editionen liegt die Frage nach Ihrer Zuverlässigkeit stets nahe. Sie liegt schon deshalb nahe, weil die mit politischer Absicht veröffentlichten Farbbücher häufig Auslassungen erkennen ließen oder ihnen nachträglich Manipulationen bewiesen wurden.

4. Der Wert der Edition

Verwandte Inhalte

nach oben