Willkommen auf den Seiten des Auswärtigen Amts

4. Der Wert der Edition

Artikel

Bei amtlichen Editionen liegt die Frage nach Ihrer Zuverlässigkeit stets nahe. Sie liegt schon deshalb nahe, weil die mit politischer Absicht veröffentlichten Farbbücher häufig Auslassungen erkennen ließen oder ihnen nachträglich Manipulationen bewiesen wurden.

Zuverlässigkeit

Schreiben des Chefs des Generalstabs der preußischen Armee von Moltke an das Auswärtige Amt (Auszug S. 2)
Schreiben des Chefs des Generalstabs der preußischen Armee von Moltke an das Auswärtige Amt (Auszug S. 2)© AA

Bei amtlichen Editionen liegt die Frage nach Ihrer Zuverlässigkeit stets nahe. Sie liegt schon deshalb nahe, weil die mit politischer Absicht veröffentlichten Farbbücher häufig Auslassungen erkennen ließen oder ihnen nachträglich Manipulationen bewiesen wurden.

„Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch“ sind in mehreren Auflagen erschienen: Ende 1919 die erste, ein unveränderter Nachdruck im Jahr 1922 und zuletzt die „neue, durchgesehene und vermehrte Ausgabe“ von 1927. In der Erstausgabe waren 937 Dokumente in vollem Wortlaut und weitere 186 in den Anmerkungen „dem wesentlichen Inhalte nach“ (DD 1919: S. VIII) abgedruckt worden.

Die 1927er-Ausgabe brachte zwanzig zusätzliche Dokumente, davon allein 14 des bayerischen Militärbevollmächtigten in Berlin, sowie eine Anzahl handschriftlicher Notizen auf bereits 1919 abgedruckten Erlassen an den Botschafter in Wien Tschirschky, die durch einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss bekannt geworden waren, sowie ein chronologisches Verzeichnis der Korrespondenzen zwischen Berlin und Wien.

Montgelas und Schücking sparten 1919 nicht mit Lob für die sorgfältige Arbeit der Mitarbeiter von Kautsky. Wie aber verhielt es sich tatsächlich mit der Zuverlässigkeit der Publikation. Seit 1919 bzw. 1927 sind zur Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges ungezählte Dokumente veröffentlicht worden. Die wohl genaueste Synopse hat 1963 der Bremer Historiker Imanuel Geiss vorgelegt. Zwar konstatierte er „offensichtliche Lücken“, was schon die Herausgeber 1919 taten, musste aber zugeben, dass diese sich auch durch sorgfältige Nachprüfung im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts nicht schließen lassen (Geiss 1963:1, S. 33). Offenbar sind 1919 und 1927 keine maßgeblichen Dokumente fortgelassen worden. Die „Lücken“ bestanden und bestehen dort, wo 1914 nichts Schriftliches niedergelegt wurde. Geiss (1963: 2, Nr. 1070) konnte in den „Deutschen Dokumenten zum Kriegsausbruch“ nur eine einzige Auslassung nachweisen, die auf politische Rücksichten schließen lässt. In einem Schreiben des Chefs des Generalstabs der Armee Moltke vom 2. August 1914 an das Auswärtige Amt, das klare militärpolitische Vorgaben formulierte, hatten Montgelas und Schücking eine Passage über die neutrale Schweiz ausgelassen (DD 1919: 3, Nr. 662, in der Edition und im Original).

Digitalisierung der Originale

Die Neuauflage von 1927 ist die Grundlage der jetzt vom Politischen Archiv des Auswärtigen Amts bearbeiteten Internetpräsentation. Es handelt sich nicht bloß um die Wiedergabe des seinerzeit in vier Bänden gedruckten Textes. Zugleich werden die Dokumente im Original gezeigt. Das soll einerseits ein Angebot an Experten sein, die hier zwischen dem Dokument in der Akte und dem in der Edition publizierten Stück vergleichen können. Andererseits vermag es vielleicht dem historisch interessierten Laien die Möglichkeit geben, ein wenig den Reiz zu erkunden, der vom originalen Schriftstück ausgeht, den man eigentlich nur im Archiv erfährt – und der sich möglicherweise nun auch digital vermittelt.

Zitierte Literatur

Geiss, Imanuel Hg. 1963. Julikrise und Kriegsausbruch 1914. 2 Bände, Hannover.

Verwandte Inhalte

nach oben