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Telegramme in der Diplomatie um 1914

Artikel

Das Telegramm war um 1914 ein zentrales Werkzeug der Diplomatie. Wer diplomatische Telegramme verstehen möchte, sollte in Grundzügen ihre Verwendung und ihren Aufbau kennen.


Die Bedeutung der Telegramme

Die Dokumentensammlung umfasst unterschiedliche Typen von Schriftstücken:

  • Erlasse und Berichte, die zwischen dem Auswärtigen Amt und den deutschen Botschaften und Gesandtschaften gewechselt wurden
  • Immediatberichte des Reichskanzlers an den Kaiser
  • Handschreiben des Kaisers an andere Staatsoberhäupter
  • Aide-Mémoires und andere diplomatische Schriftstücke

Die Eigentümlichkeiten dieser Typen werden bei Kloosterhuis (1999) und Meyer (1920) beschrieben.

Übermittelt wurden sie im Zusammenhang der Julikrise aber fast immer in der Form von Telegrammen. "Telegramm" bezeichnet im Grunde den Übermittlungsweg, keinen Schriftstücktyp (Kloosterhuis 1999: 540).

Vor der Erfindung des Telegraphen war die langsame Beförderung von Depeschen durch Boten die einzige Möglichkeit des Außenministeriums (der "Zentrale"), seinen Diplomaten im Ausland Weisungen zu erteilen und Berichte von ihnen zu erhalten. Die Zentrale konnte in Krisen oft nur begrenzt eingreifen. Die Diplomaten mussten dann unabhängig handeln.

Der Telegraph ermöglichte es der Zentrale, immer auf dem Laufenden zu bleiben und die Diplomaten eng an ihre Weisungen zu binden. Damit konnte in Krisen praktisch in Echtzeit gehandelt werden. Allerdings steigerte sich dadurch auch die Dynamik von Krisen. Die diplomatische Bürokratie muss immer mehr Informationen in immer kürzerer Zeit bewältigen und danach handeln. Außerdem war der Telegraph anfällig für Übertragungsfehler, durch die Mitteilungen verstümmelt wurden, und für Spionage durch Abhören (Nickles 2003).

Das Erscheinungsbild der Telegramme

Die allermeisten hier präsentierten Dokumente haben darum ein ähnliches Erscheinungsbild. Sie liegen in drei Überlieferungsformen vor:

  1. Als Konzept, d. h. als genehmigter Entwurf für ein abzusendendes Telegramm, der bei den Akten des Absenders verbleibt.
  2. Selten als Ausfertigung, d. h. in der Form, in der das Telegraphenamt ein Telegramm einliefert (Beispiel IV).
  3. Meistens als Entzifferung: Da die Telegramme verschlüsselt übermittelt wurden, musste anhand der Ausfertigung auf einem besonderen Formblatt durch Entschlüsseln ein lesbarer Text hergestellt werden.

Die hier präsentierten Dokumente stammen aus den Akten der Berliner Zentrale des Auswärtigen Amts. Sie enthalten daher die Konzepte der Telegramme, die vom Auswärtigen Amt an externe Empfänger, z. B. eine deutsche Botschaft, gesandt wurden und die Entzifferungen der von auswärts empfangenen Telegramme, etwa die Antwort der betreffenen Botschaft.

Konzepte sind meist handschriftlich niedergelegt, während Entzifferungen mit der Schreibmaschine auf Formulare gesetzt wurden, in deren vorgedruckten Kopf die Übermittlungsdaten eingetragen wurden (Zeit und Ort des Abgangs, Zeit des Empfangs, Absender).

Konzepte und Entzifferungen wurden halbbrüchig geschrieben, d. h. die linke Hälfte des Blatts wurde für Vermerke und Verfügungen frei gehalten. Das Papier war für Schriftstücke des Auswärtigen Amts im Folioformat (21 x 33 cm). Stücke externer Urheber konnten davon abweichen (Beispiele IV und V).

Vermerke und Randbemerkungen

Auf dem gesamten Schriftstück und insbesondere auf der freien linken Hälfte konnten Vermerke angebracht werden. Diese sind zunächst technischer Art, wie das Eingangsdatum, des Datum des Einlieferung zum Telegraphenamt oder die Journalnummer, unter der das Stück im Geschäftstagebuch registriert wurde. Diese Vermerke sind wichtig, um die Chronologie des Schriftstücks und seine Bezüge zur vorherigen Korrespondenz zu erkennen - und um es im Archiv aufzufinden.

Für den Nachvollzug der Entscheidungen und Verantwortlichkeiten sind die Paraphen (Namenskürzel) der Beamten von zentraler Bedeutung, die möglicherweise mit Vermerken verbunden sind, die sich auf den eigentlichen Text des Schriftstücks beziehen.

Bei Entzifferungen spricht man von "behändigt", wenn sie solche Bearbeitungsspuren tragen. Ein Entwurf ist genehmigt, wenn ihn der höchste zuständige Entscheidungsträger abgezeichnet hat. Dann erst wird er zum Konzept. In der Regel zeichnet der Staatssekretär des Auswärtigen Amts oder der Reichskanzler. Das Amt eines Außenministers wurde erst nach der Revolution von 1918 eingeführt.

Die Vermerke, die auf dem Blatt Papier gleichberechtigt nebeneinander stehen, müssen in die richtige zeitliche Abfolge gebracht werden: In welcher Reihenfolge hat das Stück den Entscheidungsträgern in der Behördenhierarche vorgelegen?

Diese Untersuchung des Geschäftsgangs wird in den Beispielen demonstriert. Sie stützt sich auf das bei Meyer (1920) abrufbare Hintergrundwissen.

Besondere historische Bedeutung haben die Randbemerkungen Kaiser Wilhelms II. auf der linken Blatthälfte entzifferter Telegramme. In solchen Fällen wurde das Original vom Hoflager dem Auswärtigen Amt zurückgegeben und befindet sich deshalb in dessen Akten (Beispiel III).

Wenn auf ein eingegangenes Telegramm nur eine knappe Reaktion erforderlich war, wurde das Konzept der Antwort nicht auf ein neues Blatt Papier gesetzt, sondern - in der Form einer Marginalresolution - auf die linke Blatthälfte der Entzifferung. In diesen Fällen enthält ein Blatt Papier also zwei Dokumente, die in der Edition unter separaten Nummern abgedruckt wurden (Beispiel II).

Weitere Informationen

Meyer, Hermann 1920. Das politische Schriftwesen im Deutschen Auswärtigen Dienst. Ein Leitfaden zum Verständnis diplomatischer Dokumente. Tübingen: Mohr.

Digitalisat im Internet Archive

Kloosterhuis, Jürgen 1999. Amtliche Aktenkunde der Neuzeit. Archiv für Diplomatik, 45, S. 465-563.

Preprint beim Geheimen Staatsarchiv/PK

Nickles, David Paull 2003. Under the Wire. How the Telegraph Changed Diplomacy. Cambridge, MA und London: Harvard University Press.

Eingeschränkte Vorschau bei Google Books

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