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Eine kurze Aktenkunde

Artikel

Fragen an die Dokumente

Wer heute die "Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch" liest, sucht eine Antwort auf die Frage: Wie konnte es geschehen?

Nur aus den amtlichen Akten eines einzelnen Akteurs lässt sich diese Frage nicht beantworten. Sie zeigen aber, welche Informationen dem Akteur wann vorlagen, welche Schritte er daraufhin unternahm und welche Personen mit welchem Anteil an den Entscheidungen beteiligt waren. Die Akten lassen also Abläufe und Verantwortlichkeit erkennbar werden.

Das ist möglich, weil amtliche Schriftstücke nicht nur Informationsträger, sondern auch Arbeitsinstrumente sind. Sie weisen neben dem eigentlichen Text Vermerke und Verfügungen auf, die es erlauben, ihre Entstehung oder Bearbeitung detailliert nachzuvollziehen.

In wissenschaftlichen Editionen werden diese Bearbeitungsspuren in Auswahl wiedergegeben. Was in den Anmerkungen der Edition übersichtlich strukturiert erscheint, zeigt sich in den Originalen auf den ersten Blick als Chaos unterschiedlichster Textbausteine. Um die Arbeit der Editoren nachzuvollziehen und die Originale selbständig zu lesen, sind Kenntnisse über das Erscheinungsbild und die Struktur der zeitgenössischen Dokumente nötig. Diese Kenntnisse liefert die Aktenkunde als Hilfswissenschaft der Geschichte (vgl. Beck 2000).

Wie hilft die Aktenkunde?

Die Aktenkunde analysiert die Dokumente aus zwei Blickwinkeln:

  1. Schreibrichtung: Wer schrieb an wen, wer erteilte Weisungen, wer berichtete über deren Ausführung? Dabei ist es hilfreich, dass es für bestimmte Arten von Mitteilungen normierte Typen von Schriftstücken gab.
  2. Überlieferungsform und Entstehungsstufe: Handelt es sich um ein eingehendes oder ein ausgehendes Schreiben? Wer hatte Kenntnis von einem eingehenden Schreiben und notierte darauf Verfügungen zum weiteren Vorgehen? Wer entwarf ein ausgehendes Schreiben, wer vermerkte darauf Änderungen im Text und wer übernahm durch seine Zeichnung die Verantwortung für das Endprodukt?

Dazu ist ein Leseschlüssel nötig, der Hintergrundwissen über die Arbeitsabläufe und das Aktenwesen im Auswärtigen Amt um 1914 vermittelt.

Der Schlüssel zur Lektüre

Damit eine breite Öffentlichkeit die Druckfassungen der Dokumente in der "Kautsky-Edition" verstehen und einordnen konnte, veröffentlichte Hermann Meyer, der erste Leiter des Politischen Archivs des Auswärigen Amts, 1920 einen kurzen, aber umfassenden "Leitfaden zum Verständnis diplomatischer Dokumente", der bereits digitalisiert im Internet vorliegt.

Zu knapp geraten sind bei Meyer die Ausführungen zum Telegramm als Hauptmedium der damaligen Diplomatie, seiner Bedeutung und seinen Erscheinungsformen in den Akten. Dazu bieten die folgenden Seiten Erläuterungen und kommentierte Bildbeispiele.

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