Willkommen auf den Seiten des Auswärtigen Amts

Zwei Telegramme vom 8. September 1926: Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund

Artikel
Telegramm aus Genf mit der Mitteilung des Generalsekretärs Drummond (hier irrtümlich mit einem m) über die Zustimmung der Generalversammlung zur Aufnahme in den Völkerbund, 8. September 1926, Archivsignatur: PA AA RZ 209/97115
Telegramm aus Genf mit der Mitteilung des Generalsekretärs Drummond (hier irrtümlich mit einem m) über die Zustimmung der Generalversammlung zur Aufnahme in den Völkerbund, 8. September 1926, Archivsignatur: PA AA RZ 209/97115 © AA

Der Telegrammwechsel zwischen dem deutschen Außenminister Gustav Stresemann und dem ersten Generalsekretär des Völkerbundes, dem britischen Diplomaten Sir James Eric Drummond, vom 8. September 1926 markierte mit der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund einen wichtigen Wendepunkt in der internationalen Politik der Zwischenkriegszeit. Gustav Stresemann spielte dabei eine Schlüsselrolle: Durch seine Politik der Verständigung und Zusammenarbeit schuf er die Voraussetzungen für Deutschlands Rückkehr in die internationale Gemeinschaft und trug maßgeblich zur Stabilisierung Europas in den 1920er Jahren bei. Die Einrichtung eines Völkerbundes war ein erklärtes amerikanisches Kriegsziel gewesen und Bestandteil der Versailler Friedensverträge. Die USA traten dem Völkerbund jedoch nicht bei, da der amerikanische Senat eine Schwächung der eigenen Macht befürchtete. Mit seiner Struktur - Rat mit ständigen und nicht ständigen Mitgliedern und jährlicher Vollversammlung - gilt der Völkerbund als Vorläufer der heutigen Vereinten Nationen. Im Laufe seines Bestehens waren 63 Staaten Mitglieder des Völkerbundes. Seinen Sitz hatte der Völkerbund in Genf.
Auf der Sitzung der Vollversammlung am 8. September 1926 wurde einstimmig, nach namentlicher Abstimmung, für Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund votiert, ebenso einstimmig erfolgte die Übernahme eines Sitzes im Völkerbundrat. Nach Ende der Sitzung übermittelte Generalsekretär Drummond das Telegramm über den Aufnahmebeschluss der Generalversammlung unverzüglich an den deutschen Außenminister. Das Dankestelegramm des deutschen Außenministers, in dem die sofortige Abreise einer Delegation am Abend nach Genf angekündigt wurde, ging noch nachmittags beim Sekretariat des Völkerbundes ein.

Konzept des Antworttelegramms von Stresemann, gezeichnet mit grüner Paraphe durch den Minister und abgeschickt am Nachmittag des 8. Septembers 2026, 2.55 Uhr, Archivsignatur PA AA RZ 209/97115
Konzept des Antworttelegramms von Stresemann, gezeichnet mit grüner Paraphe durch den Minister und abgeschickt am Nachmittag des 8. Septembers 2026, 2.55 Uhr, Archivsignatur PA AA RZ 209/97115 © AA


Am 10. September 1926 erfolgte schließlich der feierliche Akt der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund. Außenminister Stresemann betrat an der Spitze der deutschen Delegation den Genfer Reformationssaal, in welchem der Völkerbund tagte. Verschiedene Tageszeitungen berichteten über das Einsetzen von Beifallsstürmen und Bravo-Rufen als die deutsche Delegation sich ihren Weg in die erste Bank links vom Podium des Präsidiums bahnte. Die ausländischen Völkerbundvertreter waren ganz versessen darauf, ihnen die Hände zu schütteln und persönlich Glück zu wünschen. Stresemanns vielbeachtete, umsichtige und maßvolle Antrittsrede bestätigte ihn als einen reflektierten, den humanistischen Prinzipien verpflichteten Realpolitiker. Aufgrund der Bedeutung des Anlasses hatte er sich entschlossen, den Text abzulesen, anstatt nur mit Notizen frei zu sprechen. Er fasste in klarem und ruhigem Tonfall seine Grundsätze für den Weg der Verständigung und der Sicherung des Friedens in Europa zusammen. Der französische Außenminister Briand, der direkt auf Stresemann folgte, betonte in einer mitreißenden Rede besonders die bedeutende Rolle des Völkerbundes als Forum den gemeinsamen Willen der ehemals verfeindeten Kriegsgegner zur Zusammenarbeit in die Tat umzusetzen. Er beschrieb den Tag als Sieg der Menschlichkeit und Wendepunkt für die kollektive Sicherheit in Europa und endete mit dem berühmten Ausruf: „Weg mit den Gewehren, mit den Mitrailleusen, weg mit den Kanonen. Freie Bahn für Versöhnung, Schiedsspruch und Frieden!“ Das Ende der politischen Isolation Deutschlands war mit seiner Rückkehr in die bestehende Staatengemeinschaft erreicht worden. Im Oktober 1933 trat Deutschland unter dem NS-Regime aus dem Völkerbund wieder aus.

Die Akten des Völkerbundes im Politischen Archiv:

Der Bestand „RZ 209–Referat Völkerbund“ des Politischen Archivs des Auswärtigen Amts, in dem auch beide Telegramme verwahrt sind, belegt das Wirken Deutschlands im Völkerbund auf unterschiedlichsten Ebenen, schließlich wurden die politischen Beziehungen Deutschlands zum Völkerbund weitestgehend vom Auswärtigen Amt bestimmt. Verteilt auf 32 laufende Meter Archivgut überliefern über 1200 Akten den offiziellen diplomatischen und politischen Schriftverkehr des Völkerbundreferats: angefangen von allgemeinen Organisations- und Personalangelegenheiten, Tagungen und Versammlungen, politische und wirtschaftliche Annäherung der europäischen Staaten, Abrüstungsfragen, Verwaltung der Mandatsgebiete, Minderheitenrechte, Schiedsausschüsse bis hin zum Internationalen Gerichtshof. Das Referat Völkerbund bestand seit dem 15. Februar 1923 und wurde am 25. Februar 1927 der Länderabteilung II zugeteilt. Vor der Entstehung des Referats waren Völkerbundangelegenheiten in der Rechtsabteilung (VIII J) bearbeitet worden Mit der Umorganisation im Auswärtigen Amt 1936 kam das Referat Völkerbund zum Referat Pol I. Die Akten können in der Archivdatenbank invenio recherchiert werden.

nach oben